Wer anderen eine Grube gräbt…

Bring-Your-Own-Device (BYOD), IT Consumerization, Desktop-as-a-Service (DaaS), Public Cloud Workplace sind nur einige Begriffe, die für neue Konzepte zur Flexibilisierung der Integration von Informationstechnologien am Arbeitsplatz stehen. Durch die stete Entwicklung und Ausprägung derartiger Konzepte revolutioniert sich zunehmend der traditionelle IT-Einzelarbeitsplatz. Leider stößt die Entwicklung derartiger Konzepte nicht bei allen Markteilnehmern auf Zustimmung.

Microsoft, zum Beispiel, fürchtet derartige Konzepte immer wieder auch als substituierendes Gefahrgut für Ihren etablierten Windows Desktop. Neulich wurde mir wieder bewusst, wie Microsoft versucht durch den Bau von Burgen und tiefen Gräben seinen Teil des Sandkastens gegenüber anderen Spielkameraden abzusichern. Seit Anfang des Jahres wird  in den einschlägigen IT-Communities vermehrt das Thema der neuen Microsoft SA Companion Device License (CDL) diesbezüglich diskutiert, analysiert und kritisch bewertet. Ziel dieser Lizenzierung ist die vermeintliche Positionsstärkung der Windows-basierten Endgeräten gegenüber über alternativen Systemen. Microsoft will sich hier gegen die steigende Beliebtheit zu den Windows-Alternativen durchsetzen und den Einzug dieser in die Unternehmen einbremsen. Andernfalls könnten sonst private, nicht-windows-basierte Endgeräte, Microsoft unter der konzeptionellen Idee des “Bring-Your-Own-Device” wichtige Lizenzpotenziale im Unternehmensumfeld zukünftig streitig machen. Um dies zu verhindern entwickelte Microsoft die Companion Device License, durch die BYOD zu einer Lizenzkostenfallen werden kann. Führt ein Unternehmen BYOD ein, so sind unter bestimmten Konstellationen auch unternehmensfremde Endgeräte zu lizenzieren. So würde die Flucht vom unternehmenseigenen und oftmals Windows-basierten Endgerät, direkt in den selbst ausgehobenen Graben führen. Microsoft schafft damit eine künstliche Einstiegshürde für neue Konzept wie dem BYOD.

Da ich in diesem Beitrag auf die verstrickte Thematik der Lizenzierungsbedingungen nicht allzu sehr eingehen möchte, habe ich für interessierte Leser am Ende dieses Beitrages ein paar hilfreiche Links für den Schnelleinstieg in die Materie zusammengestellt. Ich begnüge mich  an dieser Stelle auf folgende zusammenfassende Feststellung: Softwareprodukte, die User-basiert lizenziert werden, sind außen vor.  Auch für den direkten Zugriff vom Endgerät auf Windows Server Applikationen á la Microsoft Exchange oder Remote Desktop Services gelten die alten Spielregeln der Client Access Lizenzen (CALs).  Der Zugriff vom privaten Endgerät auf den stationären IT-Arbeitsplatz oder auf eine VDI führt jedoch direkt in das Lizenzdilemma der Microsoft CDL. Zusätzlich gilt natürlich: “Keine Regel ohne Ausnahme…”, denn CDL gilt (scheinbar) nicht für Windows-basierte Endgeräte. Systeme mit Windows RT oder Windows 8 haben hierfür einen integrierten “Freifahrtsschein”.

Dies ist aber kein willkürlicher Einzelfall. Ein ähnliches Dilemma verursachte Microsoft’s Lizenzpolitik bei der Überlegung einiger IT Service Provider zum Thema Desktop-as-a-Service (DaaS), also für das Bereitstellen von VDI’s mittels einer im Rechenzentrum des Providers betriebenen Virtualisierungsinfrastruktur. Auch hier sah Microsoft seine Fell wegschwimmen, zog die Zügel an und verhinderte sogar mit Verweis auf die Lizenzbedingungen die Entstehung von kosteneffizienten und attraktiven DaaS-Angeboten am Markt.

Daneben gezielt?

Für mich stellt sich Abseits der inhaltlichen Lizenzdiskussion die ernsthafte Frage, ob dies grundsätzlich ein Hindernis für den Einzug von BYOD in die Unternehmenswelt darstellt? Im Fokus der Microsoft Lizenzierung ist stets nur der Zugriff oder die Verwendung des Windows Desktops, beziehungsweise des Windows Client-Betriebssystems als Mittelsmann für den Zugriff auf Unternehmensanwendungen oder -daten. Dies würde aber bedeuten, das BYOD nichts anderes ist als eine Art “Zwischenschicht” für den Zugriff auf den unternehmensspezifischen Windows Desktop. Dieser Schlussfolgerung kann ich jedoch nicht zustimmen und ich denke hier hat die Diskussion zum BYOD noch ein tiefgreifendes Missverständnis. Sicherlich, sowohl Anwender als auch IT-Geeks klammern sich noch heute an den Windows Desktop als die omnipräsente Plattform für jeglichen komfortablen Zugriff auf Anwendungen. Aber dies ist meiner Meinung nach der Alternativlosigkeit, die wir in den letzten zwei Jahrzehnten erlebt haben, maßgeblich geschuldet.  Die jetzt schnell an Beliebtheit gewonnen Alternativen waren früher entweder nur in ihren kleinen Nischen zu finden (siehe Linux oder Apple) oder über Jahre einfach nicht existent (beispielsweise Andriod). Da dem Windows Desktop lange Zeit die echte Konkurrenz fehlte und damit auf nahezu allen Endgeräten präsent war, haben sich natürlich die Menschen grundlegend an den “Windows Desktop” gewöhnt. Aus meiner Sichtweise, der bereits seit längerer Zeit das BYOD Konzept im Arbeitsalltag lebt und zu schätzen gelernt hat, kann ich berichten, dass ich den Windows Desktop als Endanwender definitiv nicht benötige. Diese Feststellung soll bitte nicht als allgemein gültige Argumentation oder als Einstieg in einen Glaubenskrieg aufgefasst werden. Dennoch möchte ich diese Erfahrungen hier teilen, die ich sowie viele meiner aktuellen Kollegen durch das praktizieren von BYOD bereits gesammelt haben. Ich arbeite von Zuhause primär an meinem privaten Mac und über meine private DSL-Leitung, manchmal auch sporadisch von meinem iPad aus. Auf Reisen nutze ich mein Windows-basiertes Dienstgerät und die mir Vorort gebotenen Internetzugänge. Unabhängig vom gewählten Endgerät brauche ich dafür weder VPN noch lokal installierte Anwendungen oder Modifikationen an den von mir genutzten Systemen.

Dennoch sehe ich die Diskussion um die Notwendigkeit eines Windows Desktop im Kontext BYOD nur als Nebenkriegsschauplatz. Für mich besteht der Clou an BYOD darin, dass die Abhängigkeit oder Beziehung zwischen Anwender und der Systemkonfiguration des Endgerätes aufgelöst werden kann. Der Anwender ist somit nicht mehr länger an ein spezifisches System für den Desktop gebunden. Somit wird der “Windows Desktop” zum bloßen “Desktop”. Der eigentliche Fokus im BYOD liegt in der gesteigerten Flexibilität, mit der die IT im betrieblichen Umfeld und speziell am Arbeitsplatz genutzen werden kann. BYOD soll dem Anwender für eine größere Anzahl von Szenarien ein möglichst einfachen und transparenten Zugriff auf seine Unternehmensanwendungen ermöglichen, ohne, das dass Unternehmen oder respektive die IT die Kontrolle darüber verliert oder sich zusätzlichen Risiken aussetzt.

Der Desktop als nackte Unterlage

Zur Definition von BYOD ist es sicherlich hilfreich, wenn wir zunächst den Blickwinkel des Anwenders einnehmen. Für mich als Anwender sind zwei einfache Aspekte maßgebend, minimale Anforderungen und einfacher Zugang. Als Anwender möchte ich mit jedem mir zur Verfügung stehendem Endgerät arbeiten können. Daher ist die Vermeidung von Systemabhängigkeiten und -anforderungen eine der wesentlichen Designmaxime für ein erfolgreiches BYOD. Technisch gesehen, können die Anforderungen an ein Endgerät auf die folgenden reduziert werden:

  • eine Oberfläche (der sogenannten Graphical-User-Interface, kurz GUI) zur Anzeige von grafischen Anwendungen,
  • einen Fenster-Manager (ein kurzes Gedenken an das Betriebssystem MS-DOS als Windows noch eine GUI mit Fenster-Manager war),
  • die Herstellung von Netzwerkverbindungen sowie
  • gegebenenfalls die Unterstützung von Technologien und Verfahren zur Bereitstellung oder Anzeige der Anwendungen.

Die Ausführung der Anwendungen und die damit im Zugriff stehenden Daten und Informationen befinden sich dabei ausschließlich im gesicherten Rechenzentrum des Unternehmens. Viele aktut diskutierte sicherheitsrelevante Fragestellungen lassen sich somit einfach auflösen. Die Kontrolle über Daten und Informationen verbleiben stets im Unternehmen. Durch die Designmaxime der minimalen Anforderungen reduzieren sich auch die notwendigen Eingriffe auf die Systemkonfiguration des Endgerätes und damit die Fragestellungen des Support. Ziel muss es sein, dass jedes Endgerät in seinem Urzustand bereits (nahe zu) BYOD-ready ist.

Offen bleibt dann allerdings die Frage nach der Unterstützung möglicher “Offline” -Szenarien. Diese Fragestellung würde jedoch den aktuellen Beitrag inhaltlich sprengen. Welche Implikationen die Offlinefähigkeit von Anwendungen und Daten mit sich bringt und in wieweit sich diese in einem BYOD-Konzept wieder findet, werden wir in einem separaten Beitrag diskutieren. Auch die grundsätzliche Frage nach möglichen Wegen der Umsetzung von BYOD werde ich an anderer Stelle noch einmal aufgreifen.

Es bleibt also spannend das Thema “Bring-Your-Own-Device”…

Appendix – Linkempfehlungen zur Microsoft Lizensierungsmisere CDL


Über den Autor

Björn Bredenkamp ist IT-Architekt, Projektcoach und Vortragsredner. In seiner täglichen Praxis berät er Unternehmen hinsichtlich der Optimierung von IT-Systemlandschaften und -Betriebsmodellen.

Als reisender Geschichtenerzähler spricht er in seinen Vorträgen unter anderem über die akuten Herausforderungen in der Cloud. Als Unternehmensberater mit langjähriger Erfahrung, drehen sich seine Vorträge auch um die wundersame Welt der Professional Excellence; eine Arbeitsweise und Einstellung zur Dienstleistung, die nicht nur einem IT-Berater gut steht. Weitere Informationen finden Sie im Bereich “Über den Autor“.

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One Response to BYOD, ein Missverständnis?

  1. D. Brandt sagt:

    Hello, and thank you for referencing our blog post in your appendix.

    Keep up the great work!

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